Ein Fürstensitz vor den Toren Berlins

Ein Fürstensitz vor den Toren Berlins

So lautete am 31. Juli 1915 der Titel eines Artikel von Professor E. P. Stein zum Leben und Treiben des preußischen Kurfürsten Leopold zur Lippe-Detmold in der Zeitschrift “Die Woche”, Heft Nummer 31. Wer diese Ausgabe verpasst hat, kann hier noch einmal eine kleine Zusammenfassung lesen.

Fürst Leopold zur Lippe-Detmold
Fürst Leopold zur Lippe-Detmold in seinem Arbeitszimmer / Bild: aus "Die-Woche" Heft 31 vom 31.07.1915

 

Zitat: “Wenn man mit der Bahn von Berlin über Eberswalde dem alten Jagd- und Wildrevier der preußischen Kurfürsten und Könige zustrebt, gelangt man, in Eberswalde umgestiegen, nach einigen weiteren Stationen der Eberswalder-Fürstenberger Bahn nach dem am Werbellinsee idyllisch gelegenen königlichen Jagdschloss Hubertusstock. Einige Stationen weiter auf dieser Bahn nähert man sich einem anderen Fürstensitz vor den Toren Berlins, von der Bahnstation Milmersdorf bald erreichbar. Es ist dies die Fürstlich Lippische Herrschaft Götschendorf, die Seine Hochfürstliche Durchlaucht Fürst Leopold IV zur Lippe vor einigen Jahren erwarb, und auf der er sich am Ufer des Kölpinsees ein schlichtes, helles Schloss erbaut hat.”

Schloss Götschendorf um 1915
Bild aus "Die-Woche" Heft 31 vom 31.07.1915
Kloster St Georg Götschendorf
Das Schloss Götschendorf - Stand 2019

 

Die etwa 10.000 Morgen große Fürstliche Herrschaft bestand zu diesem Zeitpunkt aus den 2 Rittergütern Götschendorf, Hohenwalde und dem Vorwerk Pikas-Hütte. Es ist wohl nicht nur der schlichten Schönheit der märkischen Landschaft geschuldet, mit seinen Wäldern und Seen, dass Fürst Leopold sich weit weg von seinen heimischen Gefilden einen neuen Fürstensitz zulegte. Er hatte durch die in der Provinz Posen gelegenen Besitzungen seines Vater, des Grafregenten Ernst zur Lippe-Biesterfeld, den Zauber großer Wasserflächen kennen und lieben gelernt. Hier konnte er das zwanglose Leben eines Landedelmannes führen. Dennoch verbrachte er wohl die meiste Zeit auf seinem Schloss, wenn in Göteschendorf die Treibjagden veranstaltet wurden. Die Garnisionen von Berlin und Potsdam durften jagdfreudige Offiziere nach Götschendorf entsenden, um sich den Treibjagden anzuschließen. Derjenige, der zum ersten mal in Götschendorf weilt, musste auf das Wohl des Jagdherren aus einem silbernen Becher trinken, der in einem großen Geweih versteckt war, ohne sich das weiße Hemd zu beschmutzen.

Zitat: “Diese scherzhafte Pozedur pflegt die Heiterkeit “der bereits wissenden” Jagdteilnehmer zu Wecken.”

Empfangshalle Schloss Götschendorf
Der Blick aus der Empfangshalle des Schlosses auf den Kölpinsee mit dem Uferpavillon / Bild: aus "Die-Woche" Heft 31 vom 31.07.1915

 

Im Hochsommer zog Fürst Leopold mit seiner Frau Berta (geborene Prinzessin von Hessen), den Kindern und nur dem nötigsten Gefolge auf seinen Fürstensitz, um in dem schlichten Naturreiz Götschendorfs zu leben. Gegenüber dem Schloss, liegt auf dem Kölpinsee eine Insel, auf der umgeben von hehen Bäumen ein Pavillon steht. Dort pflegte die Fürstliche Familie den Kaffee einzunehmen. Der jetzige Steg, von dem aus sie zur Insel gelangten, nannte sich damals Gondelhafen und hatte einen kleinen Uferpavillon, der heute nicht mehr vorhanden ist. Eine Badestelle befand sich am Inselufer der Ruine einer alten Kapelle gegenüber.

 

Obwohl Fürst Leopold eigentlich mit seinen Regentenpflichten und der Repräsentation in seiner Eigenschaft als Monarch, die Bindung zu seiner Residenzstadt Detmold, zum Schloss Schieder und seinem Jagdschloss Lopshorn im Teuoburger Wald, zu tun hatte, hatte er eigentlich auch alle Möglichkeiten der Erholung. Dennoch zog er es vor nach Götschendorf zu kommen. Aber nicht nur zum Erholen, sondern auch um seiner gern geübten Pflicht als Gutherr nachzukommen. Ihn interessierten besonders alle landwirtschaftlichen Details und er kümmerte sich ebenfalls persönlich um Reparaturen. Die auf den Seen verpachtete Fischerei lieferte besonders die großen Edelkrebse bis nach Paris. Die in Götschendorf ansässigen Fürstlichen Kies- und Steinbruchwerke war in der Gegend sehr bekannt und lieferte an die preußische Bahnverwaltung. Eine Schneidemühle und eine Brennerei zählten ebenso zur sogenannten Götschendorfer Industrie.

Der Schlossverwalter und Jagdaufseher Bachler in Götschendorf, stellte den echten Typ des alten Forstmannes dar, wie er in allen Jagdkalendern abgedruckt wurde.

Zitat: “Man könnte noch viel erzählen von diesem Fürstensitz in der Nähe der Reichshaupstadt, aber wer sich erfreuen will an den landschaften Reizen Götschendorfs und seinen stillen Seen, der wandere hinaus.”

Es sei abschließend noch zu erwähnen, dass das Schloss Götschendorf jetzt einen Teil des Klosters St. Georg zu Götschendorf (deutsch-russisches Zentrum für geistliche und kulturelle Zusammenarbeit) bildet und täglich besichtigt werden kann. Führungen mit weiteren tollen Geschichten über den ehemaligen Fürstensitz vor den Toren Berlins, werden ebenfalls mit angeboten.

Qellen: Bild und Text: “Die-Woche” Zeitschrift vom 31. Juli 1915, Heft 31; Kloster St. Georg zu Götschendorf

  • Daniil

    Daniil

    22. Juni 2019

    Dank der Eröffnung der Eisenbahn ist es jetzt einfacher, von Berlin zum Kloster zu gelangen. Zuerst müssen Sie nach Eberswalde fahren und dort in den Zug Richtung Templin umsteigen. Kloster und Schloss Götschendorf befinden sich am Bahnhof Götschendorf. Vom Bahnhof gehen Sie zur Seite des Dorfes und Sie betreten direkt das Kloster.

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